„Sag doch einfach, was du brauchst.“  – wenn das so einfach wäre …

„Sag doch einfach, was du brauchst.“  – wenn das so einfach wäre …

 Warum ich selbst erst verstehen muss, was ich eigentlich will

Bevor ich ein Bedürfnis äußern kann, muss ich es überhaupt erst wahrnehmen. Das setzt voraus, dass ich mit meinen Gefühlen und meinem körperlichen Befinden verbunden bin – ob ich Hunger habe, Ruhe brauche, sprechen möchte, Nähe möchte oder Lust auf Sexualität verspüre.

Ein Beispiel: Alle am Tisch trinken Wein, es ist Abend, es würde passen. Aber eigentlich möchte ich lieber einen Tee. Schon dieser winzige Moment verlangt: erst mal merken, was ich eigentlich will.

Nach Wahrnehmen kommt; Sich selbst ernst und wichtig nehmen – Fragen kostet nichts.

Es ist schon gut, wenn ich merke, dass ich eigentlich Tee möchte und keinen Wein. Dann folgt der nächste Schritt:
Mir mein Bedürfnis erlauben, es ernst nehmen und dazu stehen.

Das braucht Mut. Beim Wein-Beispiel heißt das: „Danke, nein – ich hätte lieber einen Tee.“ zu sagen. Genau hier grätschen Erziehung, Höflichkeit, Scham oder Unsicherheit dazwischen. Ich möchte nicht kompliziert sein, keinen Aufwand machen, kein Spielverderber sein.

In der Sexualität zeigt sich dasselbe Muster: Ich lasse mich zu Sex überreden, obwohl ich eigentlich schlafen möchte – oder ich traue mich nicht, meine Lust zu äußern, aus Angst, aufdringlich zu wirken. Ich boykottiere mich selbst mit Vorannahmen darüber, was mein Gegenüber will, oder über mich denken würde, bevor ich es überhaupt wage auszusprechen. Pleasen – den/die andere verschonen vor meiner Wahrheit – ohne diese überprüft zu haben. Vielleicht will mein Gegenüber auch Sex, vielleicht kocht das Wasser für Tee ohnehin schon. „Fragen kostet nichts.“

Raum schaffen, damit es gesprochen werden kann

Habe ich mir das Bedürfnis eingestanden und bin bereit, mitzuteilen, was ich möchte, wie es mir geht oder was ich nicht möchte – dann kommt der nächste Schritt: Ich teile mich mit. Beim Tee ist das relativ leicht – aber bei schwierigen oder belasteten Themen ist es wichtig für einen guten Rahmen und Timing zu sorgen: Also nicht gleich, wenn die Tür aufgeht, nicht nach 22h oder gleich nach dem Aufwachen.

Ankündigen ist gut. Das kann z.B. sein: „Ich würde gerne etwas dazu sagen“ oder „Können wir jetzt oder nachher kurz sprechen?“ Passt der Moment nicht, hilft die Frage: „Wann würde es passen?“

Je zeitnäher ich ein Bedürfnis wahrnehme und anspreche, desto leichter fällt es in der Regel. Im Nachhinein, mit der emotionalen Ladnung von Enttäuschung und aufgestauten Ärger, ist es schwieriger, eine Situation gut zu klären.

Wie ich es sage – das macht den Unterschied

Spreche ich aus dem Erwachsenen-Ich heraus, mit einer klaren Ich-Botschaft? Oder aus einem bedürftigen, schuldbewussten Kind-Anteil, aus Wut, Vorwurf oder aus einer Vorannahme wie „Das hättest du doch schließlich wissen können“?

Der Unterschied ist groß. Aus der Erwachsenenposition klingt es so: „Darf ich bitte Tee haben statt Wein?“ Klar, direkt, ohne Vorwurf.

Vier Gründe, warum es manchmal gar nicht so leicht ist, ein Bedürfnis zu äußern.
Doch es lohnt sich da dran zu bleiben und zu lernen, zu sich zu stehen. Heißt ja nicht, dass mir mein Umfeld meine Bedürfnisse immer erfüllen kann oder will – aber zu mir zu stehen – das macht einen großen Unterschied in meinem Selbstbewusstsein, Selbstachtung und Selbstwahrnehmung