Teil II Im Namen der Liebe. Andere Kulturen – größere Vielfalt​

Ein Blick über den Tellerrand: Wie andere Kulturen Liebe benennen

Dass in unserer Kultur Worte fehlen, ist unser Problem. Andere Sprachen und kulturelle Traditionen unterscheiden seit Langem sehr fein, wem Zuwendung gilt, welche Gestalt sie annimmt und welche Pflichten, Freiheiten und Grenzen damit verbunden sind. Eine kleine Reise.

Unser eigenes Wort

Das deutsche Wort „lieb“ geht auf eine indogermanische Wurzel zurück, die unter anderem mit Sich-Kümmern, Begehren und Gernhaben in Verbindung gebracht wird. Aus derselben Wortfamilie stammen auch „loben“, „erlauben“ und „glauben“. Lieben, gutheißen, gewähren lassen und vertrauen: In unserer Sprache werden diese Bedeutungen miteinander in Beziehung gesetzt.

Das Mittelalter kannte außerdem die „Minne“, ursprünglich ein liebevolles Gedenken. Man unterschied die hohe Minne – die verehrende, meist unerfüllte Liebe zu einer unerreichbaren Frau – von der niederen Minne, der erfüllten, auch körperlichen Liebe. Am Ende des Mittelalters verschwand das Wort allmählich, und „Liebe“ musste fortan vieles allein tragen.

Griechenland

  • Eros: die leidenschaftliche, begehrende Liebe. Die Griechen sahen in ihr auch eine Gefahr, weil sie die Kontrolle rauben kann.
  • Philia: die Freundschaft unter Gleichen, die oft höher geschätzt wurde als Eros.
  • Storge: die selbstverständliche familiäre Zuneigung, etwa zwischen Eltern und Kindern.
  • Agape: die selbstlose Liebe, die das Wohl des anderen im Blick hat. Im Lateinischen wurde daraus caritas.
  • Xenia: die Gastfreundschaft, eine heilige Pflicht zwischen Gastgeber*in und Gast.
  • Philautia: die Selbstliebe – sie kann gesund sein oder in Selbstverliebtheit umschlagen.

Die oft zitierten Begriffe Ludus (spielerische Liebe) und Pragma (die reife Liebe langjähriger Paare) sind übrigens vor allem moderne Deutungen, die der Soziologe John Alan Lee in den 1970er-Jahren geprägt hat.

Indien: Liebe in Stufen und Rollen

Die Behauptung, Sanskrit habe 96 Wörter für Liebe, geht auf den Jungianer Robert A. Johnson zurück. Eine entsprechende Liste hat er jedoch nicht vorgelegt. Belegbar und viel spannender ist, wie differenziert indische Traditionen Liebe beschreiben und ordnen.

Neben Kama (Begehren), Prema (tiefe Liebe), Vatsalya (Elternliebe) und Bhakti (Hingabe) kennt die bengalische Bhakti-Tradition Reifestufen der Liebe. Aus Prema wird Sneha, wenn das Herz schmilzt; darauf folgen Mana, Pranaya, Raga, Anuraga, Bhava und schließlich Mahabhava, die höchste Ekstase. Sneha bedeutet zugleich Öl. Es werden zwei Formen unterschieden: Ghee-Sneha, eine ehrfürchtig-zärtliche Zuneigung, und Honig-Sneha, eine Liebe mit dem Grundgefühl: „Er gehört mir.“ Schon vor Jahrhunderten wurde also zwischen einer Liebe unterschieden, die verehrt, und einer, die besitzen will.

Dieselbe Tradition beschreibt fünf Grundformen, in denen ein Mensch das Göttliche lieben kann: in stiller Ehrfurcht (Shanta), im liebenden Dienen (Dasya), als Freund*in (Sakhya), wie Eltern ihr Kind lieben (Vatsalya) oder wie Liebende (Madhurya). Es ist dieselbe Liebe, doch jede Form hat ihre eigene Nähe und ihre eigenen Grenzen. Genau darum geht es mir: Nicht die Menge an Liebe unterscheidet Beziehungen, sondern ihre Form.

Im Süden Indiens ordnete die tamilische Sangam-Dichtung, die rund 2.000 Jahre alt ist, die Liebe sogar bestimmten Landschaften zu. Jede Landschaft steht für eine Phase: Die Berge symbolisieren die Vereinigung, das Waldland das geduldige Warten, die Küste die bange Sehnsucht, die Felder am Fluss Streit und Untreue und das Ödland die Trennung. Darüber hinaus gab es zwei Kategorien jenseits dieser Landschaften: die einseitige Liebe und die unpassende, ungleiche Liebe. Selbst das Schwierige hatte einen Namen und einen Ort.

China: Liebe als gelebte Beziehung

Der Konfuzianismus kennt fünf Grundbeziehungen, jede mit ihrer eigenen Qualität: Zuneigung zwischen Eltern und Kind, Rechtschaffenheit zwischen Herrscher und Untertan, klar definierte Rollen zwischen Mann und Frau, eine Rangfolge zwischen älteren und jüngeren Geschwistern sowie Vertrauen zwischen Freund*innen. Die Freundschaft ist dabei die einzige Beziehung, die nicht über Rang oder Verwandtschaft bestimmt ist.

Besonders berührend finde ich einen Begriff, den Paarforscher*innen in Taiwan untersucht haben: Enqing. Er bezeichnet eine Form ehelicher Zuneigung, die von Dankbarkeit und Bewunderung für das geprägt ist, was der andere Mensch beiträgt und auf sich nimmt. Genau das, was viele „Team-Paare“ miteinander verbindet, ist dort keine Schwundstufe der Liebe, sondern hat einen eigenen, wertgeschätzten Namen.

Hebräisch: Gefühl und Treue

Das Hebräische unterscheidet Ahava, die Liebe als Gefühl, von Chesed. Chesed wird mit Güte, Gnade oder treuer Liebe übersetzt und meint eine Liebe, die sich in Verlässlichkeit und Treue zu einem Bund zeigt. Gefühle kommen und gehen; Chesed bleibt. Liebe ist hier weniger ein Zustand als ein Handeln.

Die arabische Welt

Arabische Sprachgelehrte haben rund siebzig verwandte Wörter für Liebe gesammelt. Viele beschreiben unterschiedliche Stufen: von Hawa, der ersten Neigung, über Wudd, die zärtliche, freundschaftliche Zuneigung, bis zu Ishq, der verzehrenden Leidenschaft, und schließlich Huyam, dem Liebeswahn.

Japan

Im Japanischen unterscheidet man Koi, die sehnsüchtige, verliebte Liebe, von Ai, der tiefen, gebenden Liebe. Japanischlehrer*innen fassen es gern so zusammen: Koi ist auf mich selbst gerichtet, Ai auf den anderen. Dazu kommt Amae, ein Begriff, den der Psychiater Takeo Doi bekannt gemacht hat: das Bedürfnis, sich vertrauensvoll anlehnen und umsorgen lassen zu dürfen. Für dieses Gefühl haben wir im Deutschen kein ganz entsprechendes eigenes Wort.

Mikronesien: Fago

Auf dem kleinen Atoll Ifaluk beschrieb die Anthropologin Catherine Lutz das Wort Fago. Es vereint Mitgefühl, Liebe und Traurigkeit in einem einzigen Begriff: das Gefühl gegenüber jemandem, der leidet, bedürftig oder weit entfernt ist. Wer Fago empfindet, gilt als reifer, guter Mensch. Liebe ist dort untrennbar mit Fürsorge verbunden.

Was wir daraus lernen können

Viele dieser Kulturen binden Liebe an eine bestimmte Form: Wer liebt wen, in welcher Rolle und mit welchen Pflichten und Freiheiten? Wir dagegen erwarten oft, dass eine einzige Beziehung alles gleichzeitig erfüllt: Eros und Freundschaft, Familie und Team, Leidenschaft und Verlässlichkeit. Kein Wunder, dass sich so viele Partnerschaften nach Mangel anfühlen.

Wer die passende Form benennt, muss sich nicht länger an der falschen messen.

Trennung muss kein Drama sein

Das vielleicht Wichtigste, was ich aus meinen Beobachtungen und eigenen Erfahrungen mitnehme: Eine Paarebene aufzulösen, muss nicht immer ein Drama sein. Es kann auch eine Wandlung in etwas anderes sein – in etwas, das jetzt besser passt.

Oft war unter der Partnerschaft schon immer eine wunderbare Freundschaft. Wenn wir den Druck falscher Erwartungen wegnehmen, kann diese Freundschaft weiterbestehen, frei atmen und gewürdigt werden.

Freundschaft ist keine zweite Wahl. Sie ist keine Restkategorie für das, was als Liebe gescheitert ist. Sie kann etwas ganz Kostbares sein, das geachtet und gewürdigt wird, ohne als Mangel erlebt zu werden.

Freund*innen sind oft Menschen, die uns ein Leben lang begleiten. Freundschaften überstehen mitunter verschiedene Partnerschaften und auch deren Trennungen. Sie können krisenfester sein, weil weniger Erwartungen im Raum stehen und die Freude an der Begegnung stärker im Vordergrund steht.

Mit meinen wundervollen Freundinnen teile ich ganz unterschiedliche Lebensbereiche: Kultur, Reisen, beruflichen Austausch, gemeinsames Feiern und vieles mehr. Sie kennen einander, und keine ist eifersüchtig auf die andere – so wenig, wie ich auf die anderen Freundinnen meiner Freundinnen eifersüchtig bin. Von dieser freien, oft bedingungsloseren Liebe könnte auch mancher Paarbeziehung etwas guttun.

Eine Einladung

Vielleicht magst du dir selbst einmal die Frage stellen: Wie würde ich meine Beziehung nennen, wenn es kein vorgegebenes Etikett gäbe? Und was würde sich verändern, wenn ich ihr diesen Namen geben dürfte?

Manchmal beginnt die Entspannung genau dort: in einem neuen Wort.